Mit dem Blick einer Malerin - Was mich lebendig macht
Mit dem Blick einer Malerin - Was mich lebendig macht

Manchmal ist es nur ein Blick.
Die leichte Neigung eines Vogelkopfes.
Ein Wassertropfen nach dem Regen.
Eine Haltung.
Das Licht auf einem Fell.
Etwas, das vermutlich genauso schnell wieder aus meiner Aufmerksamkeit verschwinden könnte, wie es aufgetaucht ist.
Und dann geschieht etwas.
Ich bleibe hängen.
Mein Blick kehrt zurück.
Ich möchte genauer hinsehen.
Entdecken.
Vielleicht verstehen.
Und irgendwann entsteht dieser Gedanke:
Das möchte ich malen.
Nicht unbedingt das Tier.
Nicht den Vogel.
Nicht den Wassertropfen.
Sondern das, was mich daran für diesen einen Augenblick festgehalten hat.
Vielleicht beginnt mein Malen genau dort.
Beim Unscheinbaren.
Bei etwas, an dem man genauso gut vorbeisehen könnte.
Vor einiger Zeit bin ich dem japanischen Begriff Ikigai begegnet.
Er wird häufig mit dem übersetzt, wofür es sich zu leben lohnt oder mit dem, was dem eigenen Leben Sinn gibt.
Natürlich begann ich darüber nachzudenken, was das für mich sein könnte.
Und ziemlich schnell stiess ich auf etwas, das mich schon mein ganzes Leben begleitet:
Neugier.
Ich möchte entdecken.
Lernen.
Ausprobieren.
Staunen.
Das Unbekannte zieht mich an.
Und wenn mich etwas wirklich interessiert, kann ich mich vollkommen darin verlieren.
Aber erst beim Nachdenken über mein Malen wurde mir bewusst, dass diese Neugier dort noch etwas anderes macht.
Sie lässt mich still werden.
Wenn ich male, zieht sie mich nicht zum nächsten Gedanken.
Sondern immer näher zu diesem einen.
Dann gibt es für eine Weile nur noch das Papier vor mir.
Wasser.
Pigmente.
Den Pinsel.
Ich beobachte, wie sich eine Farbe ausbreitet.
Warte, bis eine Lasur getrocknet ist.
Setze eine feine Linie.
Gehe zurück.
Schaue.
Warte wieder.
Manchmal vergehen Stunden, ohne dass ich sie wahrnehme.
Ich bin dann nicht auf der Suche nach dem nächsten interessanten Ding.
Ich bin ganz bei diesem einen.
Vielleicht ist genau das eine Seite meines Ikigai, die ich lange nicht gesehen habe.
Meine Neugier bringt mich zum Motiv.
Das Malen bringt mich in den Moment.
Und dort versuche ich, sichtbar zu machen, was mich ursprünglich hat innehalten lassen.
Deshalb muss ich auch nicht alles malen.
Vielleicht genügt bei einem Vogel der Blick.
Bei einem Pferd eine Haltung.
Eine Rückenlinie.
Ein einzelner Schritt.

Vielleicht braucht ein Bild nicht das ganze Motiv, um etwas davon zu erzählen, was ich darin gesehen habe.
Im Gegenteil.
Je länger ich male, desto stärker interessiert mich das, was übrig bleibt, wenn ich das Offensichtliche weglasse.
Was braucht es wirklich?
Welche Linie trägt?
Wo genügt eine Andeutung?
Und wo darf das Papier einfach Papier bleiben?
Vielleicht ist auch deshalb der Weissraum in meinen Aquarellen so wichtig geworden.
Er ist nicht das, was ich vergessen habe zu malen.
Er gehört zum Bild.
Er lässt dem einzelnen Blick, der Haltung, der kleinen Bewegung Raum.
Und vielleicht geschieht dort etwas, das mir besonders wichtig ist:
Aus etwas Alltäglichem wird für einen Moment etwas, das wir wieder sehen.
Ein Rotkehlchen ist ein Rotkehlchen.
Bis wir seinen Blick bemerken.
Ein Pferd ist ein Pferd.
Bis uns eine bestimmte Haltung festhält.
Ein Wassertropfen ist nur ein Wassertropfen.
Bis wir stehen bleiben.
Vielleicht ist das mein Ikigai im Malen.
Nicht möglichst viel von der Welt auf Papier zu bringen.
Sondern etwas aus ihr herauszugreifen und zu sagen:
Schau einmal.
Da ist etwas.
Etwas Kleines vielleicht.
Etwas, das schon die ganze Zeit da war.
Und genau darin geschieht beim Malen noch etwas, das ich besonders liebe.
Während ich versuche, diesen einen Augenblick sichtbar zu machen, verschwinde ich selbst ein wenig daraus.
Ich denke nicht darüber nach, was als Nächstes erledigt werden muss.
Nicht darüber, ob das Bild jemandem gefallen wird.
Nicht darüber, ob ich genug tue.
Ich male.
Ich schaue.
Ich entscheide.
Ich bin vollkommen da.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb mir das Malen so viel zurückgibt.
Meine Neugier, die mich sonst immer wieder hinauszieht, bekommt dort eine Richtung.
Sie muss nicht überall gleichzeitig sein.
Sie darf bleiben.
Bei einem Blick.
Einer Linie.
Einer Spur von Farbe.
Und vielleicht ist es genau diese Verbindung, die mich daran so lebendig werden lässt:
Etwas entdecken, das mich innehalten lässt.
Mich ganz darauf einlassen.
Und daraus etwas entstehen lassen, das vielleicht auch einen anderen Menschen für einen Augenblick innehalten lässt.
Mein Ikigai ist deshalb vielleicht gar nicht einfach das Malen.
Es ist das, was darin geschieht.
Entdecken.
Innehalten.
Sichtbar machen.
Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen.
Das Besondere im Unscheinbaren.
Und immer wieder diese eine Frage:
Was gibt es hier zu sehen, wenn ich noch ein wenig genauer hinschaue?
Vielleicht beginnt genau dort jedes meiner Bilder.
Und vielleicht ist es genau das, was mich lebendig macht.
Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.
