Mit dem Blick einer Malerin - Trotz der Zweifel

Barbaras-Art

Mit dem Blick einer Malerin - Trotz der Zweifel

Manchmal stehe ich vor einem Bild und denke:

Da ginge noch etwas.

Ein wenig mehr Farbe vielleicht.

Eine weitere Linie.

Noch etwas Tiefe.

 

Und genau dann beginnt für mich einer der manchmal schwierigsten Teile des Malens.

Aufzuhören.

 

Denn woher weiss ich, dass ein Bild fertig ist?

Es gibt keinen Moment, in dem das Papier sagt: Jetzt ist genug.

Ich muss entscheiden.

Ich trete zurück. Schaue. Gehe wieder näher heran. Vielleicht nehme ich den Pinsel nochmals in die Hand – und lege ihn wieder weg.

Und dann ist er da.

 

Der Zweifel.

 

Ist es wirklich fertig?

Ist es gut genug?

Hätte ich mehr daraus machen können?

Oder nehme ich ihm gerade das, was es ausmacht, wenn ich jetzt noch weiterarbeite?

Gerade bei meiner Art zu malen ist diese Frage immer wieder da.

Ich lasse vieles bewusst offen.

 

Nicht jede Feder wird ausgearbeitet. Nicht jede Linie zu Ende geführt. Nicht jede Fläche mit Farbe gefüllt.

Ich mag diese Reduktion.

Den Raum.

Das Ungesagte.

 

Und trotzdem gibt es Momente, in denen ich mich frage:

Ist das genug?

 

Manchmal geht der Zweifel noch weiter.

Dann geht es plötzlich nicht mehr um dieses eine Bild.

Sondern um mich.

 

Darf ich mich eigentlich Künstlerin nennen?

Was macht eine Künstlerin überhaupt aus?

Die Anzahl gemalter Bilder?

Ausstellungen?

Verkaufte Werke?

Eine Ausbildung?

 

Oder vielleicht einfach das Bedürfnis, immer wieder etwas sichtbar zu machen, für das Worte allein nicht genügen?

Ich kenne die Antwort nicht abschliessend.

Vielleicht brauche ich sie auch gar nicht.

 

Denn eines weiss ich inzwischen:

Ich male.

Ich suche.

Ich probiere aus.

Ich verwerfe.

Ich lerne.

 

Und ich entwickle meine eigene Bildsprache.

Auch das war und ist nicht frei von Zweifeln.

Mich für eine reduzierte, stille Art des Malens zu entscheiden, bedeutet gleichzeitig, andere Möglichkeiten nicht weiterzuverfolgen.

 

Und natürlich frage ich mich manchmal:

Ist das wirklich mein Weg?

Sollte ich mehr ausarbeiten?

Spektakulärer malen?

Etwas ganz anderes versuchen?

Vielleicht etwas, das leichter gefällt oder sich besser verkaufen lässt?

 

Diese Fragen gehören dazu.

 

Aber ebenso gehört dazu, irgendwann wieder vor einem meiner Bilder zu stehen und zu spüren:

Doch. Das bin ich.

 

Nicht jedes Bild gelingt mir.

Manche Idee funktioniert auf dem Papier nicht so, wie sie in meinem Kopf funktioniert hat.

Manchmal male ich weiter, obwohl ich besser aufgehört hätte.

 

Und manchmal muss ich ein Bild anschauen und sagen:

Nein.

Das ist es nicht geworden.


 Auch das gehört zum Malen.

Vielleicht sogar mehr, als man von aussen sieht.

Denn die misslungenen Bilder hängen später nicht an einer Ausstellungswand.

Und trotzdem waren sie nicht umsonst.

 

Sie haben mir gezeigt, was nicht funktioniert.

Sie haben mich etwas ausprobieren lassen.

Manchmal haben sie mich sogar auf eine neue Spur gebracht.


Vielleicht ist deshalb nicht jedes gescheiterte Bild wirklich ein Scheitern.

Es ist ein Teil des Weges.

So wie der Zweifel.

 

Manche dieser Bilder bewahre ich trotzdem auf.

Nicht, weil ich sie irgendwann doch noch mögen muss.

Sondern weil auch sie mir zeigen, woher ich komme – und manchmal sogar, wohin ich nicht mehr zurückmöchte.

 

 

Ich glaube nicht, dass irgendwann der Tag kommt, an dem ich vor einem Bild stehe und vollkommen sicher bin.

Und - ich möchte das auch gar nicht.

Denn Zweifel bringen mich dazu, noch einmal hinzuschauen.

Genauer hinzusehen.

Zu hinterfragen.

Zu lernen.

 

Nur bestimmen dürfen sie den Weg nicht.

Vielleicht besteht die eigentliche Kunst deshalb gar nicht darin, den perfekten letzten Pinselstrich zu setzen.

Sondern darin, zu vertrauen.

 

Einem Bild zuzutrauen:

Du bist genug.

Ein anderes gehen zu lassen und zu sagen:

Aus dir habe ich gelernt.

 

Und bei meinem eigenen Weg immer wieder zu spüren:

Ich weiss nicht, wohin er mich noch führen wird. Doch ich anerkenne , dass er meiner ist.

 

Der Zweifel gehört dazu.

Zum Malen.

Zum Suchen.

Zum Entwickeln.

 

Entscheidend ist nicht das Ziel vor Augen zu haben, irgendwann zweifelsfrei zu sein.

Sondern zu lernen, wann ich dem Zweifel zuhören sollte – und wann ich ihm sagen darf:

Danke. Aber jetzt gehe ich weiter.

 

Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.