Mit dem Blick einer Malerin - Einfach da

Barbaras-Art

Mit dem Blick einer Malerin - Einfach da

Stell Dir vor, Du kommst in einen Raum.

An einer Wand hängt ein Bild.

Du gehst daran vorbei – und bleibst stehen.

Warum, weisst Du im ersten Moment vielleicht gar nicht.

 

Du schaust.

Lässt das Bild auf Dich wirken.

Da sind diese Augen.

Tief. Wach.


Vielleicht ist es ein Vogel.

Und während Du ihn betrachtest, hörst Du beinahe seinen Gesang.

 

Vielleicht ein Schmetterling.

Für einen Augenblick siehst Du ihn förmlich davonfliegen.

 

Eine Eule.

Irgendwo in Deiner Erinnerung ist plötzlich ihr Ruf in der Nacht.

 

Oder ein Reh.

Du gehst in Gedanken durch den Wald.

Leise.

Achtsam.

Und plötzlich steht es da.

Vor Dir.

Wach.

 

Ganz da.

 

Für einen kurzen Moment begegnen sich Eure Blicke.

Und flups – ist es verschwunden.

 

Vielleicht ist es auch ein Fasan.

Diese Farben.

Diese beinahe unglaubliche Pracht.

 

Und irgendwann stellte ich mir eine Frage, die eigentlich naheliegend wäre:

Warum male ich immer wieder Tiere?


Natürlich mag ich Tiere. 

Aber das allein ist es nicht.

Es ist ihre Haltung.

Ihre Präsenz.

Ein Vogel singt bei Regen und bei Sonnenschein.

Ein Pferd kann anmutig sein. Stolz. Kraftvoll. Eigenwillig.

Ein Reh steht für wenige Sekunden am Waldrand, vollkommen wach – und ist im nächsten Augenblick verschwunden.

 

Sie sind da.

 

In ihrer ganzen Art.

In ihrem ganzen Sein.

 

Womöglich erklärt das auch, weshalb ich Tiere häufig nicht vollständig male.

Ich möchte sie nicht beschreiben.

Nicht jede Feder zeigen.

Nicht jedes Haar.

Nicht jede Einzelheit festhalten.

 

Manchmal genügt ein Auge.

Eine Kopfhaltung.

Eine Bewegung.

Eine Andeutung.


Ich möchte nicht die ganze Geschichte erzählen.

 

Denn wir sind umgeben von diesen wunderbaren Wesen.

Und weil sie zu unserem Alltag gehören, nehmen wir sie oft kaum noch bewusst wahr.

 

Den Vogel im Garten.

Die Amsel am Wegrand.

Den Milan über dem Feld.

Die Biene zwischen den Blüten.

Das Reh zwischen den Bäumen.

 

Sie sind da.

Bis uns etwas für einen Augenblick innehalten lässt.

 

Ein Gesang.

Eine Bewegung.

Eine Farbe.

Ein Blick.

 

Und plötzlich sehen wir nicht einfach einen Vogel.

Wir sehen dieses eine Wesen.

 

Vielleicht ist es genau dieser Augenblick, den ich beim Malen suche.

Etwas von dieser Präsenz festhalten – und gleichzeitig genügend offenlassen, damit das Bild nicht nur meine Geschichte erzählt.

 

Vielleicht hörst Du beim Betrachten eines meiner Vögel einen Gesang, den ich nie gehört habe.

Vielleicht erinnert Dich ein Reh an einen frühen Morgen im Wald.

Vielleicht entdeckst Du in der Haltung eines Pferdes etwas ganz anderes als ich.

 

Dann ist etwas geschehen, das ich mit meinen Bildern gerne ermöglichen möchte.

Eine Begegnung.

 

Vielleicht gehen wir danach hinaus und schauen ein wenig genauer hin.

Auf all diese Wesen, mit denen wir diese Welt teilen.

 

Nicht, weil sie plötzlich aussergewöhnlicher geworden wären.

Sondern weil wir sie wieder wahrgenommen haben.

 

Vielleicht male ich deshalb immer wieder Tiere.

Nicht, um ihre ganze Geschichte zu erzählen.

Sondern sie für einen Augenblick sichtbar zu machen.

 

Einfach da.

 

Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.