Mit dem Blick einer Malerin - Anders als gedacht

Barbaras-Art

Mit dem Blick einer Malerin - Anders als gedacht

Manchmal habe ich ein Bild ziemlich genau im Kopf, bevor ich den ersten Pinselstrich setze.

Nicht bis ins letzte Detail.

Aber ich weiss, welche Stimmung es haben soll. Wo etwas leicht bleiben darf. Wo Farbe Raum bekommt. Wo vielleicht nur eine feine Linie genügt.

 

Bei meiner Pusteblume war das so.

Ich hatte eine Vorstellung.

Etwas Leichtes sollte entstehen.

Feine Samen, die sich lösen. Bewegung. Luft. Viel Raum.

 

Und dann kam dieser eine Moment.

 

Die Farbe war noch nass, und ich nahm den Stiel meines Pinsels, um feine Linien hineinzuziehen.

In diesem Augenblick gefiel mir, was geschah.

 

Was ich nicht bedacht hatte:

Nasse Aquarellfarbe vergisst nicht.

Als das Papier trocknete, wurden die Linien immer deutlicher.

Viel deutlicher, als ich sie haben wollte.

 

Ich schaute auf das Bild und wusste sofort:

So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

 

Mein erster Impuls war, es zu korrigieren.

Die Linien irgendwie zurückzunehmen.

Sie verschwinden zu lassen.

Das Bild wieder näher an das heranzubringen, das ich vorher in meinem Kopf gesehen hatte.

 

Nur – das ging nicht.

Die Linien waren da.

Im Papier.

Ein Teil des Bildes geworden.

 

Und irgendwann merkte ich, dass ich mir die falsche Frage stellte.

Nicht mehr:

Wie bekomme ich das wieder weg?

Sondern:

Was mache ich jetzt mit dem, was da ist?

 

Vielleicht liegt genau zwischen diesen beiden Fragen etwas, das weit über das Malen hinausgeht.

Denn was geschehen ist, ist geschehen.

Die Linien sind im Papier.

 

Ich kann mich darüber ärgern.

Ich kann enttäuscht sein.

Ich kann mir wünschen, ich hätte den Pinselstiel nie in die Hand genommen.

All das verändert das Bild nicht.

 

Aber ich kann entscheiden, wie ich auf das reagiere, was nun vor mir liegt.

 

Und vielleicht ist genau das eine Freiheit, die wir viel öfter haben, als uns bewusst ist.

Nicht die Freiheit, alles ungeschehen zu machen.

Nicht die Freiheit, immer das zu bekommen, was wir uns vorgestellt haben.

 

Sondern die Freiheit, uns immer wieder neu zu entscheiden, wie wir mit dem umgehen, was ist.

 

Beim Malen bedeutet das für mich:

noch einmal hinschauen.

Nicht sofort urteilen.

Wahrnehmen, was tatsächlich vor mir liegt – und nicht nur, was eigentlich hätte entstehen sollen.

 

Und irgendwann entscheiden, was der nächste Strich sein darf.

Also habe ich weitergemalt.

Nicht mehr gegen diese Linien.

Sondern mit ihnen.

Ich habe geschaut, was das Bild jetzt braucht.

Wo ich etwas aufnehmen kann.

Wo etwas ruhiger werden darf.

Wo vielleicht gerade durch das Ungeplante etwas entsteht, auf das ich selbst nie gekommen wäre.

 

Und langsam veränderte sich mein Blick.

Nicht unbedingt das Bild.

Mein Blick darauf.


Das finde ich im Nachhinein fast spannender als die Pusteblume selbst.

Denn manchmal halten wir sehr lange an einer Vorstellung davon fest, wie etwas hätte werden sollen.

Und solange wir nur dieses Bild vor Augen haben, sehen wir kaum, was tatsächlich vor uns liegt.

 

Beim Malen kann ich das erstaunlich gut beobachten.

Es gibt einen Moment, in dem ich aufhören muss, mein ursprüngliches Bild retten zu wollen.

Sonst kämpfe ich irgendwann gegen das, was längst entstanden ist.

 

Das bedeutet nicht, dass ich plötzlich alles schön finden muss.

Manches bleibt ein Fehler.

Manches funktioniert tatsächlich nicht.

 

Und manches Bild landet auch bei mir irgendwann zur Seite.

Aber nicht alles, was anders wird als gedacht, ist deshalb misslungen.

Manchmal zwingt mich gerade das Ungeplante, genauer hinzusehen.

 

Anders weiterzudenken.

Eine Lösung zu suchen, die ich vorher gar nicht gebraucht hätte.

Vielleicht sogar etwas zu entdecken, das in meiner ursprünglichen Vorstellung keinen Platz hatte.

 

Meine Pusteblume ist nicht das Bild geworden, das ich am Anfang im Kopf hatte.

Die Linien sind noch immer da.

Und inzwischen denke ich:

Das dürfen sie auch.

Sie gehören zu diesem Bild.

Zu seinem Entstehen.

 

Zu diesem einen Moment, in dem ich etwas getan habe, ohne zu wissen, was es bewirken würde.

Und zu allem, was danach daraus entstanden ist.

 

Vielleicht muss deshalb auch nicht immer alles wieder weg, was wir uns anders gewünscht hätten.

Manches lässt sich ohnehin nicht entfernen.

Aber wir können hinschauen.

Wir können entscheiden, was wir damit machen.

Und wir können unseren nächsten Strich setzen.

 

Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.