Mit dem Blick einer Malerin - Wie ein Bild zu seinem Namen kommt
Mit dem Blick einer Malerin
Wie ein Bild zu seinem Namen kommt
Es gibt einen Moment beim Malen, den sieht niemand.
Das Bild ist fertig.
Die Farben sind getrocknet.
Der letzte Pinselstrich ist gesetzt.
Und trotzdem ist es noch nicht bereit, das Atelier zu verlassen.
Denn ihm fehlt noch etwas.
Sein Name.
Manche Bildtitel sind plötzlich da.
Fast so, als hätten sie während des Malens geduldig gewartet.
Ich lege den Pinsel weg, schaue das fertige Bild an – und der Titel ist klar.
Als hätte das Bild ihn selbst mitgebracht.

Bei anderen ist es anders.
Sie bleiben eine Weile namenlos.
Nicht, weil mir nichts einfällt.
Sondern weil sich noch nichts richtig anfühlt.
Dann darf ein Bild auch einfach einmal im Atelier stehen.
Ich gehe daran vorbei.
Bleibe stehen.
Schaue es an.
Manchmal über Tage.
Manchmal sogar über Wochen.
Ich probiere Worte aus.
Verwerfe sie wieder.
Denn ich suche keinen möglichst schönen Titel.
Ich suche den einen, der zum Bild gehört.
Für mich erklärt ein guter Bildtitel ein Bild nicht.
Er begleitet es.
Er trägt es ein Stück weiter, ohne ihm den Weg vorzuschreiben.
Mit dem Titel möchte ich die Geschichte des Bildes erzählen.
Oder sie wenigstens sanft anstupsen.
Vielleicht kennst du einige meiner Bildtitel.
Zwischen den Linien.
Weggefährten.
Vom Klang getragen.
Nur ein Augenblick.

Sie beschreiben nicht einfach, was zu sehen ist.
Sie öffnen einen kleinen Raum.
Einen Gedanken.
Ein Gefühl.
Etwas, das zwischen Bild und Betrachter entstehen darf.
Deshalb bekommen meine Bilder ihren Titel nicht zwischen Tür und Angel.
Ich warte lieber etwas länger.
Denn:
Ein Bild trägt seinen Namen ein Leben lang.
Und deshalb bekommt bei mir ein Bild auch erst dann seinen Rahmen, wenn es seinen Namen gefunden hat.
Erst wenn beides zusammengehört, darf es seinen Weg hinaus in die Welt antreten.
Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.

