Mit dem Blick einer Malerin Nicht lauter als die Welt

Barbaras-Art

Mit dem Blick einer Malerin - Nicht lauter als die Welt

 

Im Wald war es still.

Und gleichzeitig war es das überhaupt nicht.

 

Nach langer Zeit hatte es endlich wieder geregnet. Die Luft war frisch, das Grün wirkte satter, und überall hing noch Wasser in den Zweigen.

Die Vögel sangen ihre Lieder.

Von den Ästen fielen Tropfen.

Hier einer. Dort einer.

Jeder mit seinem eigenen kleinen Klang.

 

Ich blieb stehen und hörte.

Und dachte:

Vielleicht bedeutet Stille gar nicht, dass nichts zu hören ist.

Vielleicht bedeutet sie vielmehr, dass für einen Moment nichts an uns zieht.

 

Nichts wollte etwas von mir.

Kein Tropfen verlangte meine Aufmerksamkeit.

Kein Vogel wollte eine Reaktion.

Der Wald musste mir nichts erklären.

Alles war einfach da.

Und ich durfte es auch sein.

Diese Ruhe tat gut.

Sie verlangsamte mich.

 

Mein Blick blieb an einzelnen Dingen hängen. An einem Wassertropfen, der sich an einer Tannennadel gesammelt hatte. An einem alten, abgebrochenen Baumstamm am Wegrand. Am Licht, das zwischen den Bäumen auftauchte.

 

Dinge, an denen ich genauso gut hätte vorbeigehen können.

 

Vielleicht braucht es manchmal genau diese Stille, damit wir wieder neugierig werden.

Damit wir genauer hinschauen.

 

Und während ich weiterging, musste ich an Kunst denken.

Was kann Kunst eigentlich tun?

 

Sie kann laut sein.

Sie kann provozieren, aufrütteln, irritieren und Stellung beziehen.

Und das darf sie.

 

Meine eigene Kunst möchte etwas anderes.

Sie möchte nicht noch lauter sein als die Welt.

 

Vielleicht suche ich deshalb beim Malen so oft die Reduktion.

Den einzelnen Blick.

Eine feine Linie.

Eine Spur von Farbe.

Eine Fläche, die bewusst leer bleiben darf.


 

Nicht, weil dort nichts wäre.

Sondern weil dort Raum ist.

Raum für den Menschen, der davorsteht.

 

Ich möchte mit meinen Bildern nicht alles erzählen.

Nicht festlegen, was jemand darin sehen oder empfinden soll.

 

Vielleicht genügt es, eine Tür einen Spaltbreit zu öffnen.

Neugierig zu machen.

Zum Hinschauen einzuladen.

Und dann einen Schritt zurückzutreten.

 

Denn auch vor einem Bild muss nichts geschehen.

Wir müssen es nicht verstehen.

Wir müssen es nicht beurteilen.

Wir müssen keine Geschichte darin finden.

Wir dürfen einfach schauen.

Vielleicht bleiben wir nur einen Augenblick stehen.

 

Vielleicht entdecken wir etwas, das uns vertraut vorkommt.

Vielleicht taucht eine Erinnerung auf.

Eine Frage.

Ein Gefühl.

 

Oder einfach nur dieser eine Moment, in dem wir ein wenig langsamer werden.

Vielleicht ist auch das eine Form von Begegnung.

Mit einem Bild.

Mit einem Gedanken.

Oder für einen kurzen Augenblick mit uns selbst.

 

Ich glaube, deshalb mag ich die Vorstellung von Kunst als einem stillen Ort.

Nicht still im Sinne von lautlos.

Sondern so, wie der Wald für mich immer wieder still ist.

Voller Leben.

Voller kleiner Geschichten.

Und trotzdem ohne Forderung.

 

Vielleicht muss Kunst gar nichts Grosses tun.

Vielleicht genügt es, wenn sie für einen Augenblick einen Ort schafft, an dem ein Mensch langsamer wird.

Schaut.

Neugierig wird.

Und für einen Moment einfach da ist.

 

Nicht lauter als die Welt.

Vielleicht manchmal sogar ein wenig stiller.

 

Bis nächsten Samstag – mit dem Blick einer Malerin.


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